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DieGo September 2017

Bei diesem Gottesdienst wurde darüber abgestimmt, welche Predigt gehalten werden soll. Hier werden jetzt alle drei Predigten veröffentlicht

Lutherische Predigt (diese wurde gehalten)

Nächste Woche haben wir wieder die Wahl. Und ich finde es großartig, dass wir diese Möglichkeit haben. Für viele ist es allerdings auch eine Qual, weil die Unterschiede der Parteien immer schwieriger auszumachen sind. Bei SPD und CDU sind es nur kleine Nuancen an Unterschieden. Da muss man schon genau hinschauen. Grüne und FDP setzen sich ein bisschen ab. Aber ein so richtiges Gegenprogramm zur momentanen Regierungspolitik haben die auch nicht. Vielleicht ist das der Grund warum es wohl dieses Mal so viele Protestwähler geben wird, die radikale und extremistische Parteien am rechten und linken Rand wählen, oder erst gar nicht zur Wahl gehen. Leider scheint Letztgenannten dieses hohe Gut der Wahl, diese Freiheit nicht viel wert zu sein.

Die Reformation hat das ihre dazu beigetragen, dass diese Freiheit sich entwickeln konnte. Martin Luther war die Freiheit so wichtig, dass er dafür sogar seinen Namen wechselte. Eigentlich hieß er Luder. Ist ja nicht ein so toller Name: Martin Luder. In Anlehnung an das griechische Wort eleutheros, was übersetzt heißt: der Befreite, änderte er seinen Namen von Martin Luder in Martin Luther. Diese Namensänderung spiegelte den langen inneren Prozess wieder, den Luther bei seinen biblischen Studien durchgemacht hatte. Er erlebte das von ihm neu entdeckte Evangelium als umfassende Befreiung.

Im Galaterbrief las er: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! (Galater 5,1). Das heißt. Als Christen sind wir frei von der Macht einer Kirche, die uns Angst vor der Hölle macht und uns genau vorschreibt, was wir zu tun hätten um in den Himmel zu kommen.

Aber diese christliche Freiheit führt bei Luther nicht dazu, dass jeder tun und lassen sollte, was er will. Deutlich wird das in der Doppelthese seiner Schrift "von der Freiheit eines Christenmenschen": Die besagt: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemanden untertan. Und: Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan. Dieser Gegensatz ist bewusst von Luther so gewollt. Er setzt sich einerseits vehement für die Freiheit von äußeren Bindungen ein, von politisch-religiöser Unterdrückung einer Kirche die den Menschen genau vorschreibt, was sie zu glauben und wie sie zu leben hätten. Aber Luther sagt auch: Echte Freiheit ist nicht nur eine Freiheit von, sondern immer auch eine Freiheit zu etwas. Wir müssen mit dieser geschenkten Freiheit etwas anfangen. Für Luther war klar: wir sollen diese neue Möglichkeit der Freiheit nutzen um anderen Menschen zu helfen, für sie da sein, sich für sie einsetzen. Es geht um ein freiwilliges Dienen. Freiwilliges Dienen und unfreiwillige Knechtschaft sehen von außen betrachtet zum Verwechseln ähnlich aus. Aber es macht einen großen Unterschied, ob ich etwas nur als mürrischer Befehlsempfänger mache, oder aus freien Stücken, weil ich es gut finde. Freiheit und gelebte Liebe gehören für Luther zusammen.

In einer anderen Schrift "de servo abitrio" (vom unfreien Willen) hat Luther noch eine andere These vertreten. Nämlich die, dass wir Menschen zwar Handlungsfreiheit haben, aber keine Willensfreiheit: Luther war überzeugt: Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen was er will. Der Wille des Menschen ist nicht frei. Der Mensch kann sich nicht frei entscheiden zu lieben, zu hoffen, zu glauben. Wenn der Mensch liebt, hofft, glaubt, dann kommt das nicht aus ihm selbst, sondern wird ihm von Gott sozusagen geschenkt. Luther hat an sich selbst gemerkt: Das Gute, das ich wollen sollte, will ich nicht. Das Böse, das ich nicht wollen sollte, will ich aber. Luther hat sich selbst als einen Menschen erfahren, der auch dem Bösen ausgeliefert und im Bösen verstrickt ist. Und er hat gemerkt, dass kein Mensch sich daraus selbst befreien kann. Kurz zusammengefasst bestreitet Luther, dass der Mensch die Möglichkeit habe durch eine freie Entscheidung sich das Heil Gottes anzueignen. Damit widersprach Luther dem Humanisten Erasmus v. Rotterdam.

Der Humanismus, der bis heute davon ausgeht, dass jeder Mensch die Kraft in sich hat sich für das Gute zu entscheiden wird heute von der Neurowissenschaft und der wissenschaftlichen Philosophie widerlegt. Es gibt mehrere Experimente und Argumente, die darauf hinweisen, dass wir Menschen in unserem Willen determiniert sind. Das wollen wir nicht gerne hören, aber es scheint tatsächlich so zu sein. Und damit untermauert die heutige Naturwissenschaft Luthers Einschätzung, die im Grunde noch viel älter ist, weil sie auf Augustinus und dem Apostel Paulus zurück geht. Nochmals theologisch zusammengefasst: Wir Menschen sind im Grunde gefangen in uns selbst und auch im Bösen, in der Sünde. Als Christen sind wir aber zu einer neuen Freiheit befreit, die uns frei macht von äußeren politisch-religiösen Zwängen und frei macht zum Glauben und Vertrauen, frei macht zu einem neuen Handeln in Liebe den Nächsten gegenüber.

Das heißt also: Wir haben in vielen kleinen irdischen Dingen die Wahl, und damit auch die Qual. Aber in Bezug auf Gott, auf sein Heil haben wir nicht die Wahl. Wir sind wie jemand, der auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs ist, dass ohne Motor im Pazifik treibt. Auf dem Schiff können wir wählen zwischen den Restaurants, ob wir chinesisch oder italienisch essen wollen, ob wir schlafen, lesen, Tischtennis spielen oder in den Pool springen. Aber wir haben keine Wahl zu entscheiden an Land zu gehen. Entweder das Schiff wird irgendwo an Land gespült, oder es gibt eine große Rettungsaktion von außen. Aber in unserer Macht steht es nicht sicher das Schiff zu verlassen und frei an Land zu gehen. Es hängt also von außen ab, ob und wo wir sicher an Land gehen können. Kurz wir müssen aus diesem treibenden Schiff befreit werden, gerettet werden. Und wenn dann die Rettungsaktion erfolgreich verlief und uns aus der misslichen Lage befreit hat, dann ist das vergleichbar mit dem eingangs zitierten Bibelvers: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

Die heutige Neurowissenschaft geht sogar davon aus, dass wir sogar in den kleinen Entscheidungen determiniert, festgelegt sind und uns nur unser Hirn uns vorgaugelt, wir wären frei Entscheidungen zu treffen. Nicht schön, für unser Ego, aber die Hinweise verdichten sich für die Wahrheit dieser These.

Eine ganz andere Frage. Wie ist das eigentlich bei Gott. Kann man von Gott auch sagen: Wer die Wahl hat, hat die Qual? Wahrscheinlich würde niemand abstreiten, dass wir Gott auch eine Wahlfreiheit des Willens zugestehen müssen. Im Gegensatz zu uns hat doch Gott die Wahl zu wollen, was er will.

Hat er auch die Wahl uns zu lieben? Uns zu erlösen? Uns zu erretten? Uns zu rechtfertigen, also frei zu sprechen? Wenn man Predigten in unserer Kirche hört, dann könnte man fast meinen: Gott hat gar keine andere Wahl. Er muss uns Menschen lieben, uns erlösen, uns erretten, uns helfen. Das klingt manchmal –zugegeben auch bei mir – manchmal fast wie ein Automatismus: Gott muss es doch gut meinen mit uns und uns gut tun.

Wäre es denkbar, dass Gott sich dagegen entscheiden könnte uns zu lieben? Dass er es nicht gut mit uns meinen will? Dass er uns vernichten, ja uns Böses will? Dass Gott sich gegen uns stellt und für uns zur größten Gefahr wird? Gott der Böse, Bedrohliche? Ich glaube, das wäre denkbar.

Gut, dass Du nicht Gott bist, sagte beim Vorbereiten einer aus dem Team zu mir. Denn ich hatte gesagt: Wenn ich Gott wäre, dann würde ich die Menschen nicht lieben. Die Menschen sind doch alle nur böse, egoistisch, es geht nur um Geld, Macht, Profit und Egoismen, auch ich selbst, nicht nur die IS-Krieger, nicht nur die Trumps, Erdogans, Putins dieser Welt. Nicht nur die Auto-Manager, die Finanz-Haie und Wirtschaftsheuschrecken, nicht nur die Sklaventreiber und Kinderschänder, sondern auch ich selbst, mit all meinen dunklen Abgründen, mit meinem Drehen um mich selbst, auch ich bin doch nicht so viel anders, als die eben genannten Bösewichte. Vielleicht kann sich bei mir das Böse, das in mir schlummert, hinter ordentlichen bürgerlichen Fassaden verstecken, aber es ist trotzdem da. Die Dinosauriere des Rock n’ Roll "die Stones" haben es mit ihrem Lied "sympathie for the devil" auf den Punkt gebracht: Der Teufel, das Böse hat meistens nicht eine schreckliche Fratze, sondern ist charmant, hat Geschmack, versteckt sich in Nadelstreifenanzügen, hinter braven bürgerlichen Fassaden: Please let me introduce myself; I’m a man of wealth an taste.

Da haben sie schon Recht die Stones: Das Böse steckt auch in mir; gerade dann, wenn alles so gut und ordentlich und anerkannt aussieht. Wer ehrlich zu sich selbst ist, wird dieser Einsicht nicht widersprechen können.

Und deshalb habe ich beim Vorbereiten gesagt: Wenn ich Gott wäre, würde ich es mir überlegen, ob ich diese Menschen, in denen das Böse offen zutage tritt oder schlummert, die, die meine gute Schöpfung kaputt machen, die die sich gegenseitig abschlachten oder psychisch verletzen und fertig machen; die, die keinen Respekt vor der Kreatur, ob Pflanzen, Tiere oder Menschen haben; ob ich die liebe, denen helfe, die freispreche, erlöse, begnadige... Gut, dass nicht du Gott bist, sagten mir daraufhin die anderen.

Aber wie ist das wirklich: Hat Gott eine Wahl? Muss er uns lieben? Wenn Gott da eine Wahl hat, und ich gehe fest davon aus, dass er diese Wahl hat, dann trifft bei Gott dieser Satz mehr als bei allen anderen zu: wer die Wahl hat, hat die Qual. Die Wahl ist in meinen Augen für Gott eine Qual: Menschlich gesehen ist es ja die Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder Gott reagiert auf das Böse in uns Menschen und vernichtet es mitsamt uns allen; dann hat er alles kaputtgemacht, was er selbst mit Herzblut erschaffen hat. Oder er reagiert nicht darauf, dann machen wir Menschen alles kaputt, was Gott mit Herzblut erschaffen hat. Und ich glaube wir sind schon nahe dran.

Diese Entscheidung, diese Wahl ist für Gott eine Qual. Wenn man der Heiligen Schrift vertrauen mag, hat er sich quälend dafür entschieden zu lieben, sich dabei quälen zu lassen, dafür steht das Kreuz, weil Gott sich für die Liebe entschieden hat. Gott hat die Wahl getroffen uns Menschen zu lieben. Nicht nur die Menschen, nicht nur die Menschheit, sondern ganz persönlich dich und mich. Dich und mich als Person, als Individuum. Er hat dich gewählt, mit allem Guten und Bösen, was Du mitbringst und in dir trägst. Gott hat ein Kreuz hinter deinem Namen gemacht. Hat dich angekreuzt. Gott hat gesagt. Ich habe mich für dich entschieden: Du darfst zu mir gehören: Dich will ich trotz allem lieben. Mit dir meine ich es trotz allem gut. Wenn wir ein Kreuz sehen, dann dürfen wir uns erinnern, dass Gott sich für mich und für dich ganz persönlich entschieden hat, sein Kreuz auf dem Wahlzettel hinter deinen und meinen Namen gemacht hat. Die Taufe kann und darf dafür eine Bestätigung sein.

Die Rettungsaktion ist schon angelaufen. Auch ich soll von dem Schiff gerettet werden. Auch ich werde meinen Fuß in die Freiheit setzen dürfen. Lass ich das mit mir machen? Lass ich mich von Gott lieben? Lasst Du dich von Gott lieben und befreien, auch mit Deinen Ecken und Kanten, auch mit dem Bösen in Dir, auch mit den schlechten Angewohnheiten, die uns oft knechten und einsperren: Lassen wir zu, dass Gottes heilende Liebe langsam und stetig mich/dich verändert. Das kann ja manchmal auch weh tun im Leben, wenn Gott in uns wirkt und eingreift uns verändert.

Was lassen wir zu in unserem Leben? Und was lassen wir das Bestimmende und Wichtige sein? Unsere eigene Leistung, unsere Können und unser Erfolg? Unsere Wünschen und unser Streben? Unsere menschlichen Errungenschaften und irdischen Gaben, dazu gehören auch Gesundheit und Familie? Oder soll das Bestimmende und Tragfähige, das Fundament in unserem Leben die große Zusage Gottes sein, dass wir seine Kinder sein dürfen, sein Sohn, seine Tochter? Befreit zu einem neuem Leben? Soll seine Wahl das wichtigste für uns sein?

Das ist eine Entscheidung, ja fast eine Wahl, die wir treffen müssen, einmal, immer wieder, jeden Tag neu. Ja zu sagen dazu, dass Gott mich gewählt hat.

Gottes Strategie ist es, dass seine alles bestimmende Wahl, seine Rettungsaktion mit meinem und deinem Einverständnis zusammen kommt. Das ist seine Strategie der Liebe, des Heils, der Erlösung. Wollen wir dahinter unser Kreuzchen machen?

Arminianistische Predigt

Tja da habt ihr was gewählt und habt keine Ahnung was das dahinter steckt. Und ich auch nicht.... Naja viel anders wird es den meisten Wählern nächste Woche auch nicht gehen. Wer weiß schon über das Programm der Partei Bescheid, die er wählen möchte?.

Aber zurück zur arminianischen Predigt. Um was geht es eigentlich beim Arminianismus? Es gibt eine Kirche in den Niederlande, die den Arminianismus vertritt. Diese Kirche wird Remonstranten genannt. Sie gehen zurück auf den ursprünglich calvinistischen Theologen Jacobus Arminius. Er lebte von 1560 bis 1609, also ganz nah an der Reformation. Er war Calvinist, also überzeugt, dass Gott groß ist, majestätisch und unfehlbar. Dass es in unseren Gottesdiensten nur um das Wort dieses Gottes gehen muss, dass es keinerlei Ablenkung in den Kirchen geben dürfe. Keine Bilder, keine Instrumentalmusik, keine mehrstimmigen Gesänge, nicht mal eine Liturgie. Das Wort alleine sollte im Mittelpunkt stehen, Lesung aus der Bibel, ausführliche Predigt, umrahmt von einstimmigen Lobliedern und einem Gebet. Aus.

Arminius war als Calvinist überzeugt, dass Zeitverschwendung, wozu auch langer Schlaf zählt, zu den schlimmsten Sünden gehört, dass man ein tugendhaftes, schlichtes Leben mit hoher Disziplin führen sollt, dass man sich in dieser Welt nützlich machen soll ohne an Spaß und Luxus zu denken.

Aber in einer theologischen Behauptung stellte sich Arminius gegen Calvin: Denn Johannes Calvin behauptete mit großer Vehemenz, dass alles, was mit einem Menschen passiert, im Grunde auch alles, was er denkt und tut, vorher bestimmt ist. Wenn man Calvin wörtlich nimmt, dann hat der Mensch bei ihm so gut wie keine Freiheit. Calvin lehrte die doppelte Prädestination: Es ist also für jeden Mensch schon vor seiner Geburt entschieden, ob er als Christ lebt oder nicht, ob er Gutes tut oder nicht, ob er in den Himmel oder in die Hölle kommt. Der Mensch kann nichts dazu tun oder an dieser Festlegung etwas verändern. Für Calvin war dies deshalb wichtig, weil er so stark wie nur möglich Gottes Souveränität, seine Freiheit, seine Majestät betonen wollte. Und damit fiel alles, was diese Majestät einschränken könnte in seiner Theologie unter den Tisch. Calvin war von Gottes Größe so beeindruckt und seine Theologie war eine Theologie des Lobes der Größe und der Souveränität Gottes.

Das mag für uns fremd klingen und ein schreckliches Bild von Gott zeichnen, der in selbstherrlicher Weise – wir würden sagen – sadistisch die einen in die Hölle schickt und andere ohne erkennbaren Grund in den Himmel lässt. Und wahrscheinlich erging es auch dem guten Jacobus Arminius so. Er und andere Kollegen aus der theologisch-akademischen Welt widersprachen dieser Lehre der Calvinisten. Dafür wurden er und seinesgleichen seiner Ämter enthoben und alle, die so dachten wie er, wurden auf der Dordrechter Synode exkommuniziert. Na wenigstens wurde er nicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Denn in diesem Punkt waren die Evangelischen auch nicht besser. Wenige Jahre später wurde Johan van Oldenbarnevelt als Anhänger der arminianischen Lehren, hingerichtet.

Arminius und den Remonstranten war wichtig zu sagen, dass die Menschen keine Marionetten sind, sondern sich zu Gottes Heilshandeln an ihnen einverstanden oder ablehnend verhalten könnten. Ich glaube, die meisten von uns würden diesem Gedanken vollkommen zustimmen. Wir Menschen haben doch die Wahl uns für oder gegen Gott zu entscheiden. Übrigens ist dieser Gedanke nicht neu und keine Erfindung des Jakobus Arminius sondern wurde schon in der frühesten Kirchengeschichte beim Ketzer und Irrlehrer Pelagius vehement vertreten. Und woher hat diese Idee der Pelagius? Natürlich aus der Bibel. Es lassen sich viele Stellen finden die dem Arminius recht geben und es lassen sich auch viele Stellen finden, die dem Calvin Recht geben.

Natürlich muss man aufpassen: Wenn es von mir und meiner Entscheidung für Gott abhängt, ob ich von Gott geliebt werde, dann wird das schnell zu einer Selbsterlösung, bei der ich Gott und sein Heil nicht brauche. Dann hängt alles nur von meiner Entscheidung ab. Vor diesen falschen Gedanken wollten die Calvinisten warnen, als sie die Lehren des Arminius verurteilten.

Übrigens hat auch Luther daran festgehalten, dass wir in Glaubensdingen keine freie Wahl und Entscheidung haben. Luther war überzeugt: Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen was er will. Der Wille des Menschen ist nicht frei. Der Mensch kann sich nicht frei entscheiden zu lieben, zu hoffen, zu glauben. Wenn der Mensch liebt, hofft, glaubt, dann kommt das nicht aus ihm selbst, sondern wird ihm von Gott sozusagen geschenkt. Luther hat an sich selbst gemerkt: Das Gute, das ich wollen sollte, will ich nicht. Das Böse, das ich nicht wollen sollte, will ich aber. Luther hat sich selbst als einen Menschen erfahren, der auch dem Bösen ausgeliefert und im Bösen verstrickt ist. Und er hat gemerkt, dass kein Mensch sich daraus selbst befreien kann. Kurz zusammengefasst bestreitet Luther, dass der Mensch die Möglichkeit habe durch eine freie Entscheidung sich das Heil Gottes anzueignen. Luther hielt an dem Jesuswort aus dem Johannesevangelium fest: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.

Für Luther war überzeugt: Gott spricht in die Herzen der Menschen und reißt sie heraus aus ihrer Unfreiheit. "Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! (Galater 5,1)." Gott befreit, in dem er durch sein Menschen ins Herz hinein anspricht, und ihnen hilft sich auf Gottes Zusagen zu verlassen. Für Luther bleibt Gott souverän, aber er will sich nicht an der Spekulation Calvins beteiligen, wer denn nun vorherbestimmt für den Himmel und wer vorherbestimmt für die Hölle wäre. Trotzdem hält Luther mit Calvin daran fest: Der Mensch kann grundsätzlich erst einmal nichts zu seinem Heil tun. Damit widersprach Luther dem Humanisten Erasmus v. Rotterdam.

Das heißt also: Wir haben in vielen kleinen irdischen Dingen die Wahl, und damit auch die Qual. Aber in Bezug auf Gott, auf sein Heil haben wir nicht die Wahl. Wir sind wie jemand, der auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs ist, dass ohne Motor im Pazifik treibt. Auf dem Schiff können wir wählen zwischen den Restaurants, ob wir chinesisch oder italienisch essen wollen, ob wir schlafen, lesen, Tischtennis spielen oder in den Pool springen. Aber wir haben keine Wahl zu entscheiden an Land zu gehen. Entweder das Schiff wird irgendwo an Land gespült, oder es gibt eine große Rettungsaktion von außen. Aber in unserer Macht steht es nicht sicher das Schiff zu verlassen und an Land zu gehen. Es hängt also von außen ab, ob und wo wir sicher an Land gehen können. Kurz wir müssen aus diesem treibenden Schiff befreit werden, gerettet werden. Und wenn dann die Rettungsaktion erfolgreich verlief und uns aus der misslichen Lage befreit hat, dann ist das vergleichbar mit dem Satz des Paulus aus dem Galaterbrief: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

Die heutige Neurowissenschaft geht sogar davon aus, dass wir auch in den kleinen Entscheidungen festgelegt sind und nur unser Hirn uns vorgaugelt, wir wären frei Entscheidungen zu treffen. Nicht schön, für unser Ego, aber die Hinweise verdichten sich für die Wahrheit dieser These. Und es gibt einige wissenschaftliche Experimente, deren Ergebnisse ziemlich überzeugend sind.

Eine ganz andere Frage. Wie ist das eigentlich bei Gott. Kann man von Gott auch sagen: Wer die Wahl hat, hat die Qual? Wahrscheinlich würde niemand abstreiten, dass wenn wir Gott auch eine Wahlfreiheit des Willens zugestehen müssen. Im Gegensatz zu uns hat doch Gott die Wahl zu wollen, was er will.

Hat er auch die Wahl uns zu lieben? Uns zu erlösen? Uns zu erretten? Uns zu rechtfertigen, also frei zu sprechen? Wenn man Predigten in unserer Kirche hört, dann könnte man fast meinen: Gott hat gar keine andere Wahl. Er muss uns Menschen lieben, uns erlösen, uns erretten, uns helfen. Das klingt manchmal –zugegeben auch bei mir – manchmal fast wie ein Automatismus: Gott muss es doch gut meinen mit uns und uns gut tun.

Wäre es nicht denkbar, dass Gott sich dagegen entscheiden könnte uns zu lieben? Dass er es nicht gut mit uns meinen will? Dass er uns vernichten, ja uns Böses will? Dass Gott sich gegen uns stellt und für uns zur größten Gefahr wird? Gott der Böse, Bedrohliche? Ich glaube, das wäre denkbar.

Gut, dass Du nicht Gott bist, sagte beim Vorbereiten einer aus dem Team zu mir. Denn ich hatte gesagt: Wenn ich Gott wäre, dann würde ich die Menschen nicht lieben. Die Menschen sind doch alle nur böse, egoistisch, es geht nur um Geld, Macht, Profit und Egoismen, auch ich selbst, nicht nur die IS-Krieger, nicht nur die Trumps, Erdogans, Putins dieser Welt. Nicht nur die Auto-Manager, die Finanz-Haie und Wirtschaftsheuschrecken, nicht nur die Sklaventreiber und Kinderschänder, sondern auch ich selbst, mit all meinen dunklen Abgründen, mit meinem Drehen um mich selbst, auch ich bin doch nicht so viel anders, als die eben genannten Bösewichte. Vielleicht kann sich bei mir das Böse, das in mir schlummert, hinter ordentlichen bürgerlichen Fassaden verstecken, aber es ist trotzdem da. Die Dinosauriere des Rock n’Roll "die Stones" haben es mit ihrem Lied "sympathie for the devil" auf den Punkt gebracht: Der Teufel, das Böse hat meistens nicht eine schreckliche Fratze, sondern ist charmant, hat Geschmack, versteckt sich in Nadelstreifenanzügen, hinter braven bürgerlichen Fassaden: Please let me introduce myself; I’m a man of wealth an taste.

Da haben sie schon Recht die Stones: Das Böse steckt auch in mir; gerade dann, wenn alles so gut und ordentlich und anerkannt aussieht. Wer ehrlich zu sich selbst ist, wird dieser Einsicht nicht widersprechen können. Und deshalb habe ich beim Vorbereiten gesagt: Wenn ich Gott wäre, würde ich es mir überlegen, ob ich diese Menschen, in denen das Böse offen zutage tritt oder schlummert, die, die meine gute Schöpfung kaputt machen, die die sich gegenseitig abschlachten oder psychisch verletzen und fertig machen; die, die keinen Respekt vor der Kreatur, ob Pflanzen, Tiere oder Menschen haben; ob ich die liebe, denen helfe, die freispreche, erlöse, begnadige. Gut, dass nicht du Gott bist, sagten mir daraufhin die anderen.

Aber wie ist das wirklich: Hat Gott eine Wahl? Muss er uns lieben? Wenn Gott da eine Wahl hat, und ich gehe fest davon aus, dass er diese Wahl hat, dann trifft bei Gott dieser Satz mehr als bei allen anderen zu: wer die Wahl hat, hat die Qual. Die Wahl ist in meinen Augen für Gott eine Qual: Menschlich gesehen ist es ja die Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder Gott reagiert auf das Böse in uns Menschen und vernichtet es mitsamt uns allen; dann hat er alles kaputtgemacht, was er selbst mit Herzblut erschaffen hat. Oder er reagiert nicht darauf, dann machen wir Menschen alles kaputt, was Gott mit Herzblut erschaffen hat. Und ich glaube wir sind schon nahe dran.

Diese Entscheidung, diese Wahl ist für Gott eine Qual. Wenn man der Heiligen Schrift vertrauen mag, hat er sich quälend dafür entschieden zu leiden, sich quälen zu lassen, dafür steht das Kreuz, weil Gott sich für die Liebe entscheiden hat. Gott hat die Wahl getroffen uns Menschen zu lieben. Nicht nur die Menschen, nicht nur die Menschheit, sondern ganz persönlich dich und mich. Als Person, als Individuum. Er hat dich gewählt, mit allem Guten und Bösen, was Du mitbringst und in dir trägst. Gott hat ein Kreuz hinter deinem Namen gemacht. Hat dich angekreuzt. Gott hat gesagt. Ich habe mich für dich entschieden: Du darfst zu mir gehören: Dich will ich trotz allem lieben. Mit dir meine ich es trotz allem gut. Wenn wir ein Kreuz sehen, dann dürfen wir uns erinnern, dass Gott sich für mich und für dich ganz persönlich entschieden hat, sein Kreuz auf dem Wahlzettel hinter deinen und meinen Namen gemacht hat.

Die Rettungsaktion ist schon angelaufen. Auch ich soll von dem Schiff gerettet werden. Auch ich werde meinen Fuß in die Freiheit setzen dürfen. Lass ich das mit mir machen? Lass ich mich von Gott lieben? Lasst Du dich von Gott lieben und befreien, auch mit Deinen Ecken und Kanten, auch mit dem Bösen in Dir, auch mit den schlechten Angewohnheiten, die uns oft knechten und einsperren: Lassen wir zu, dass Gottes heilende Liebe langsam und stetig mich/dich verändert. Das kann ja manchmal auch weh tun im Leben, wenn Gott in uns wirkt und eingreift uns verändert.

Was lassen wir zu in unserem Leben? Und was lassen wir das Bestimmende und Wichtige sein? Unsere eigene Leistung, unsere Können und unser Erfolg? Unsere Wünschen und unser Streben? Unsere menschlichen Errungenschaften und irdischen Gaben, dazu gehören auch Gesundheit und Familie? Oder soll das Bestimmende und Tragfähige, das Fundament in unserem Leben die große Zusage Gottes sein, dass wir seine Kinder sein dürfen, sein Sohn, seine Tochter? Befreit zu einem neuem Leben? Soll seine Wahl das wichtigste für uns sein?

Das ist eine Entscheidung, ja fast eine Wahl, die wir treffen müssen, einmal, immer wieder, jeden Tag neu. Ja zu sagen dazu, dass Gott mich gewählt hat. Gottes Strategie ist es, dass seine alles bestimmende Wahl, seine Rettungsaktion mit meinem und deinem Einverständnis zusammen kommt. Das ist seine Strategie der Liebe, des Heils, der Erlösung. Wollen wir dahinter unser Kreuzchen machen?

Calvinistische Predigt

Tja wenn das heute eine calvinistische Predigt werden sollte, dann müssten wir jetzt zuerst einmal den Altar raustragen. Das Predigtpult in die Mitte stellen, die Regenbogenfarben da oben mit einem schlichten Tuch verhängen und die Musiker nach Hause schicken. Denn in den Anfängen der calvinistischen Reformation wurde sehr streng darauf geachtet, dass es keinerlei Ablenkung in den Kirchen gab. Keine Bilder, keine Instrumentalmusik, keine mehrstimmigen Gesänge, nicht mal eine Liturgie. Das Wort alleine sollte im Mittelpunkt stehen, Lesung aus der Bibel, ausführliche Predigt, umrahmt von einstimmigen Lobliedern und einem Gebet. Aus. Das war der Gottesdienst.

Wenn wir eine calvinistische Verkündigung hören würden, dann müsstet Ihr Euch anhören dass Zeitverschwendung, wozu auch langer Schlaf zählt, zu den schlimmsten Sünden gehört, dass Ihr ein tugendhaftes, schlichtes Leben mit hoher Disziplin führen sollt, dass Ihr Euch in dieser Welt nützlich machen sollt ohne an Spaß und Luxus zu denken. Und ihr würdet hören, dass wirtschaftlicher Erfolg in eurem Leben ein Zeichen dafür sein könnte, dass Ihr von Gott erwählt seid und in den Himmel dürft. Umgekehrt könnte ein armer Schlucker, der immer nur Pech im Leben hat schon in diesem irdischen Leben erahnen, dass Gott ihn für die Hölle bestimmt hat.

Nicht nur die amerikanische Verfassung wird mit ganz vielen calvinistischen Gedanken gespeist, sondern auch ein Großteil der amerikanischen Gesellschaft und des amerikanischen Denkens ist sehr stark vom Calvinismus geprägt. Im Guten wie im Schlechten. Der Calvinismus war maßgeblich an der Abschaffung der Sklaverei beteiligt. Und ich wage zu behaupten. Ohne die starke calvinistische Prägung der US-Gesellschaft – allerdings in einer sehr pervertierten Form - wäre eine Donald Trump nie Präsident geworden.

Aber über eine der wichtigsten Behauptungen Calvins habe ich noch gar nicht gesprochen. Und die hat mit unserem heutigen Thema zu tun: Wer die Wahl hat, hat die Qual. Denn Johannes Calvin behauptete mit großer Vehemenz, dass alles, was mit einem Menschen passiert, im Grunde auch alles, was er denkt und tut, vorherbestimmt ist. Wenn man Calvin wörtlich nimmt, dann hat der Mensch bei ihm so gut wie keine Freiheit. Calvin lehrte die sogenannte doppelte Prädestination: Es ist also für jeden Mensch schon vor seiner Geburt entschieden, ob er als Christ lebt oder nicht, ob er Gutes tut oder nicht, ob er in den Himmel oder in die Hölle kommt. Der Mensch kann nichts dazu tun oder an dieser Festlegung etwas verändern. Das mag für uns fremd klingen und ein schreckliches Bild von Gott zeichnen, der in selbstherrlicher Weise – wir würden sagen – sadistisch die einen in die Hölle schickt und andere ohne erkennbaren Grund in den Himmel lässt. Für Calvin war dies deshalb wichtig, weil er so stark wie nur möglich Gottes Souveränität, seine Freiheit, seine Majestät betonen wollte. Und damit fiel alles, was diese Majestät einschränken könnte in seiner Theologie unter den Tisch. Calvin war von Gottes Größe so beeindruckt und seine Theologie war eine Theologie des Lobes der Größe und der Souveränität Gottes.

Martin Luther konnte sich auf diese These der doppelten Prädestination nicht einlassen. Nicht nur, weil viele Aussagen der Heiligen Schrift ihr widersprechen – ich nenne nur: "Der Herr ... will nicht, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle sich bekehren" (2. Petrus 3), sondern weil er theologisch ganz anders dachte. Für Luther sprach Gott in die Herzen der Menschen und riss sie heraus aus ihrer Unfreiheit. Wer diesem Wort vertraut ist heraus gerettet. "Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! (Galater 5,1)." Luther hat zwar auch daran fest gehalten, dass in Bezug auf das Heil wir Menschen einen unfreien Willen haben, uns also nicht frei für Gott und das Gute und das Heil entscheiden können. Das wird deutlich in seiner Schrift "de servo arbitrio" (vom unfreien Willen).

Aber aus dieser Unfreiheit befreit Gott, in dem er durch sein Wort Menschen ins Herz hinein anspricht, sie so befreit werden sich auf Gottes Zusagen zu verlassen. Für Luther bleibt Gott souverän, aber er will sich nicht an der Spekulation Calvins beteiligen, wer denn nun vorherbestimmt für den Himmel und wer vorherbestimmt für die Hölle wäre. Trotzdem hält Luther mit Calvin daran fest: Der Mensch kann grundsätzlich erst einmal nichts zu seinem Heil tun. Damit widersprach Luther dem Humanisten Erasmus v. Rotterdam.

Nochmals theologisch zusammengefasst: Wir Menschen sind im Grunde gefangen in uns selbst und auch im Bösen, der Sünde. Als Christen sind wir aber zu einer neuen Freiheit befreit, die uns frei macht zum Glauben und Vertrauen, frei macht zu einem neuen Handeln in Liebe den Nächsten gegenüber.

Das heißt also: Wir haben in vielen kleinen irdischen Dingen die Wahl, und damit auch die Qual. Aber in Bezug auf Gott, auf sein Heil haben wir nicht die Wahl. Wir sind wie jemand, der auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs ist, dass ohne Motor im Pazifik treibt. Auf dem Schiff können wir wählen zwischen den Restaurants, ob wir chinesisch oder italienisch essen wollen, ob wir schlafen, lesen, Tischtennis spielen oder in den Pool springen. Aber wir haben keine Wahl zu entscheiden an Land zu gehen. Entweder das Schiff wird irgendwo an Land gespült, oder es gibt eine große Rettungsaktion von außen. Aber in unserer Macht steht es nicht sicher das Schiff zu verlassen und an Land zu gehen. Es hängt also von außen ab, ob und wo wir sicher an Land gehen können. Kurz wir müssen aus diesem treibenden Schiff befreit werden, gerettet werden. Und wenn dann die Rettungsaktion erfolgreich verlief und uns aus der misslichen Lage befreit hat, dann ist das vergleichbar mit dem eingangs zitierten Bibelvers: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

Die heutige Neurowissenschaft geht sogar davon aus, dass wir auch in den kleinen Entscheidungen festgelegt sind und uns nur unser Hirn uns vorgaugelt, wir wären frei Entscheidungen zu treffen. Nicht schön, für unser Ego, aber die Hinweise verdichten sich für die Wahrheit dieser These. Und es gibt einige wissenschaftliche Experimente, deren Ergebnisse ziemlich überzeugend sind. Da bleibt bei uns Menschen nicht so viel übrig von: wer die Wahl hat, hat die Qual.

Eine ganz andere Frage. Wie ist das eigentlich bei Gott. Kann man von Gott auch sagen: Wer die Wahl hat, hat die Qual? Wahrscheinlich würde niemand abstreiten, dass wenn wir Gott auch eine Wahlfreiheit des Willens zugestehen müssen. Im Gegensatz zu uns hat doch Gott die Wahl zu wollen, was er will.

Hat er auch die Wahl uns zu lieben? Uns zu erlösen? Uns zu erretten? Uns zu rechtfertigen, also frei zu sprechen? Wenn man Predigten in unserer Kirche hört, dann könnte man fast meinen: Gott hat gar keine andere Wahl. Er muss uns Menschen lieben, uns erlösen, uns erretten, uns helfen. Das klingt manchmal –zugegeben auch bei mir – manchmal fast wie ein Automatismus: Gott muss es doch gut meinen mit uns und uns gut tun.

Wäre es nicht denkbar, dass Gott sich dagegen entscheiden könnte uns zu lieben? Dass er es nicht gut mit uns meinen will? Dass er uns vernichten, ja uns Böses will? Dass Gott sich gegen uns stellt und für uns zur größten Gefahr wird? Gott der Böse, Bedrohliche? Ich glaube, das wäre denkbar.

Gut, dass Du nicht Gott bist, sagte beim Vorbereiten einer aus dem Team zu mir. Denn ich hatte gesagt: Wenn ich Gott wäre, dann würde ich die Menschen nicht lieben. Die Menschen sind doch alle nur böse, egoistisch, es geht nur um Geld, Macht, Profit und Egoismen, auch ich selbst, nicht nur die IS-Krieger, nicht nur die Trumps, Erdogans, Putins dieser Welt. Nicht nur die Auto-Manager, die Finanz-Haie und Wirtschaftsheuschrecken, nicht nur die Sklaventreiber und Kinderschänder, sondern auch ich selbst, mit all meinen dunklen Abgründen, mit meinem Drehen um mich selbst, auch ich bin doch nicht so viel anders, als die eben genannten Bösewichte. Vielleicht kann sich bei mir das Böse, das in mir schlummert, hinter ordentlichen bürgerlichen Fassaden verstecken, aber es ist trotzdem da. Die Dinosauriere des Rock n’Roll "die Stones" haben es mit ihrem Lied "sympathie for the devil" auf den Punkt gebracht: Der Teufel, das Böse hat meistens nicht eine schreckliche Fratze, sondern ist charmant, hat Geschmack, versteckt sich in Nadelstreifenanzügen, hinter braven bürgerlichen Fassaden: Please let me introduce myself; I’m a man of wealth an taste.

Da haben sie schon Recht die Stones: Das Böse steckt auch in mir; gerade dann, wenn alles so gut und ordentlich und anerkannt aussieht. Wer ehrlich zu sich selbst ist, wird dieser Einsicht nicht widersprechen können.

Und deshalb habe ich beim Vorbereiten gesagt: Wenn ich Gott wäre, würde ich es mir überlegen, ob ich diese Menschen, in denen das Böse offen zutage tritt oder schlummert, die, die meine gute Schöpfung kaputt machen, die die sich gegenseitig abschlachten oder psychisch verletzen und fertig machen; die, die keinen Respekt vor der Kreatur, ob Pflanzen, Tiere oder Menschen haben; ob ich die liebe, denen helfe, die freispreche, erlöse, begnadige. Gut, dass nicht du Gott bist, sagten mir daraufhin die anderen.

Aber wie ist das wirklich: Hat Gott eine Wahl? Muss er uns lieben? Wenn Gott da eine Wahl hat, und ich gehe fest davon aus, dass er diese Wahl hat, dann trifft bei Gott dieser Satz mehr als bei allen anderen zu: wer die Wahl hat, hat die Qual. Die Wahl ist in meinen Augen für Gott eine Qual: Menschlich gesehen ist es ja die Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder Gott reagiert auf das Böse in uns Menschen und vernichtet es mitsamt uns allen; dann hat er alles kaputtgemacht, was er selbst mit Herzblut erschaffen hat. Oder er reagiert nicht darauf, dann machen wir Menschen alles kaputt, was Gott mit Herzblut erschaffen hat. Und ich glaube wir sind schon nahe dran.

Diese Entscheidung, diese Wahl ist für Gott eine Qual. Wenn man der Heiligen Schrift vertrauen mag, hat er sich quälend dafür entschieden zu leiden, sich quälen zu lassen, dafür steht das Kreuz, weil Gott sich für die Liebe entscheiden hat. Gott hat die Wahl getroffen uns Menschen zu lieben. Nicht nur die Menschen, nicht nur die Menschheit, sondern ganz persönlich dich und mich. Dich und mich als Person, als Individuum. Er hat dich gewählt, mit allem Guten und Bösen, was Du mitbringst und in dir trägst. Gott hat ein Kreuz hinter deinem Namen gemacht. Hat dich angekreuzt. Gott hat gesagt. Ich habe mich für dich entschieden: Du darfst zu mir gehören: Dich will ich trotz allem lieben. Mit dir meine ich es trotz allem gut. Wenn wir ein Kreuz sehen, dann dürfen wir uns erinnern, dass Gott sich für mich und für dich ganz persönlich entschieden hat, sein Kreuz auf dem Wahlzettel hinter deinen und meinen Namen gemacht hat. Die Taufe kann und darf dafür eine Bestätigung sein.

Die Rettungsaktion ist schon angelaufen. Auch ich soll von dem Schiff gerettet werden. Auch ich werde meinen Fuß in die Freiheit setzen dürfen. Lass ich das mit mir machen? Lass ich mich von Gott lieben? Lasst Du dich von Gott lieben und befreien, auch mit Deinen Ecken und Kanten, auch mit dem Bösen in Dir, auch mit den schlechten Angewohnheiten, die uns oft knechten und einsperren: Lassen wir zu, dass Gottes heilende Liebe langsam und stetig mich/dich verändert. Das kann ja manchmal auch weh tun im Leben, wenn Gott in uns wirkt und eingreift uns verändert.

Was lassen wir zu in unserem Leben? Und was lassen wir das Bestimmende und Wichtige sein? Unsere eigene Leistung, unsere Können und unser Erfolg? Unsere Wünschen und unser Streben? Unsere menschlichen Errungenschaften und irdischen Gaben, dazu gehören auch Gesundheit und Familie? Oder soll das Bestimmende und Tragfähige, das Fundament in unserem Leben die große Zusage Gottes sein, dass wir seine Kinder sein dürfen, sein Sohn, seine Tochter? Befreit zu einem neuem Leben? Soll seine Wahl das wichtigste für uns sein?

Das ist eine Entscheidung, ja fast eine Wahl, die wir treffen müssen, einmal, immer wieder, jeden Tag neu. Ja zu sagen dazu, dass Gott mich gewählt hat. Gottes Strategie ist es, dass seine alles bestimmende Wahl, seine Rettungsaktion mit meinem und deinem Einverständnis zusammen kommt. Das ist seine Strategie der Liebe, des Heils, der Erlösung. Wollen wir dahinter unser Kreuzchen machen?

Letzte Aktualisierung: 26. September 2017

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